Stellen Sie sich vor: 800.000 digitalisierte Bücher, Zeitschriften und Handschriften — frei zugänglich, gut erschlossen, und doch für Menschen mit Seheinschränkungen, Lernschwächen oder schlicht wenig Zeit praktisch unzugänglich. Das Deutsche Textarchiv allein umfasst Tausende Werke aus dem 15. bis 20. Jahrhundert. Sie sind als Volltext verfügbar. Aber niemand kann sie hören.

BiblioTTS schließt diese Lücke.

Das Problem: Digitalisiert, aber nicht zugänglich

Moderne Screenreader und Text-to-Speech-Systeme sind für zeitgenössisches Deutsch entwickelt. Sobald ein Text aus dem 17. Jahrhundert beginnt — mit Frakturtranskription, historischer Orthographie, langen Relativsätzen und lateinischen Einschüben — versagen sie. Das Ergebnis ist unverständliche Ausgabe, die niemandem hilft.

Gleichzeitig steigen die gesetzlichen Anforderungen: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) verpflichtet öffentliche Einrichtungen seit Juni 2025, ihre digitalen Angebote für alle Menschen zugänglich zu machen. Audio ist dabei kein Nice-to-have, sondern eine der zentralen Anforderungen.

Die Lösung: Eine Pipeline, die historisches Deutsch versteht

BiblioTTS ist eine automatische Text-to-Speech-Pipeline, die speziell für historisches Deutsch entwickelt wurde. Der Kerngedanke: Bevor ein Text gesprochen wird, muss er normalisiert werden — von historischer Schreibweise in modernes Lesedeutsch, das TTS-Systeme fehlerfrei verarbeiten können.

Die Pipeline umfasst zehn Verarbeitungsschritte:

  • Frakturauflösung: Typische Buchstabenvertauschungen (ſ → s, ꝛ → r) werden korrigiert
  • Historische Orthographie: Veraltete Schreibweisen wie bey, giebt, Gleichniss werden modernisiert
  • Satzzeichen-Normalisierung: Historische Interpunktionsmuster werden bereinigt
  • Abkürzungsauflösung: Häufige historische Kürzel werden ausgeschrieben
  • TTS-Readiness-Score: Jeder Text erhält eine Qualitätsbewertung vor der Sprachsynthese

Einsatzfelder in Bibliotheken und Archiven

  • Barrierefreiheit: Audiofassungen für Menschen mit Seheinschränkungen, entsprechend BFSG
  • Deutsch als Fremdsprache: Hörproben historischer Texte für DaF-Unterricht und Studierende
  • Semesterapparate: Automatisch generierte Audiofassungen von Pflichtlektüre
  • Digitale Ausstellungen: Hörstationen ohne manuellen Produktionsaufwand

Wie geht es weiter?

Wir befinden uns im Aufbau erster Pilotpartnerschaften mit DACH-Bibliotheken. Wenn Sie Interesse haben, Ihren digitalisierten Bestand hörbar zu machen, freuen wir uns über eine Nachricht.

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