Ein Text aus dem Jahr 1617. Gedruckt in Fraktur. Gescannt, transkribiert, im Deutschen Textarchiv veröffentlicht. Und dann? Wie wird daraus in wenigen Sekunden verständliche Audioausgabe — ohne menschliche Nachbearbeitung?

Dieser Beitrag erklärt die zehn Verarbeitungsschritte der BiblioTTS-Pipeline, die jeden historischen Deutschtext in TTS-fähigen Input verwandeln.

Das Ausgangsproblem

Text-to-Speech-Systeme wie Google Neural2 oder Amazon Polly sind exzellent für modernes Deutsch. Sobald historische Texte ins Spiel kommen, stoßen sie an ihre Grenzen:

  • Frakturtranskription: Das lange ſ wird oft als f transkribiert (ſeinfein), Ligaturen wie tz und ck werden mal aufgelöst, mal nicht
  • Historische Orthographie: bey statt bei, giebt statt gibt, Gleichniss statt Gleichnis
  • Lange Perioden: Verschachtelte Sätze über mehrere Zeilen, die TTS-Systeme in falsche Betonungsgruppen zerlegen
  • Fremdsprachliche Einschübe: Lateinische Zitate mitten im deutschen Text

Die zehn Schritte der Normalisierungspipeline

1. Epochenerkennung — Anhand von Wortlisten und statistischen Merkmalen bestimmt die Pipeline, aus welcher Epoche der Text stammt: Frakturzeit (vor 1900), Übergangszeit oder modernes Deutsch.

2. Fraktur-Buchstabenersetzung — Systematische Ersetzung typischer Transkriptionsfehler: ſ → s, ꝛ → r, ij → y (kontextabhängig). Als Whitelist implementiert, um Fehlersätze zu vermeiden.

3. Historische Doppellaute — Ältere Schreibweisen wie seynsein. Hier ist Präzision entscheidend: nicht jedes ey ist ein historisches ei.

4. Historische Orthographie — 23 geprüfte Ersetzungsregeln: beybei, giebt/hingiebtgibt/hingibt, GleichnissGleichnis, AugenblikAugenblick. Jede Regel als Regex mit Wortgrenzen.

5. Satzzeichen-Normalisierung — Historische Kommaregeln, überflüssige Semikola und OCR-Artefakte werden bereinigt. Ziel ist natürlicher Sprachfluss.

6. Abkürzungsauflösung — Häufige historische Kürzel (u., vgl., Jh.) werden ausgeschrieben.

7. Fremdsprachen-Handling — Erkannte Lateinpassagen werden markiert und je nach Konfiguration übersprungen oder separat vorgelesen.

8. Satzlängen-Optimierung — Sehr lange Perioden (über 80 Wörter) werden an semantisch sinnvollen Stellen aufgebrochen.

9. TTS-Readiness-Score — Jeder Text erhält nach der Normalisierung einen Score von 0–100. Er misst verbleibende TTS-Problemstellen. Unter einem Schwellwert wird der Text nicht produziert.

10. Segment-Selektion — Für Hörproben wählt BiblioTTS automatisch den optimalen Abschnitt: 130–160 Wörter (ca. 25 Sekunden), bevorzugt Kapitelanfänge mit hohem Readiness-Score.

Ein Beispiel aus der Praxis

Originaltext (Leichpredigt, Polycarp Leyser, 1620):

„Andächtige vnd Geliebte in dem HErren JEsu Chriſto: Es haben auch die vernünfftigen Heyden/ die jenigen vor kluge vnd verſtändige Leute gehalten/ welche ihre Sachen vnd alles Fürnehmen anfänglich wohl erwogen …"

Nach BiblioTTS-Normalisierung:

„Andächtige und Geliebte in dem Herrn Jesu Christo: Es haben auch die vernünftigen Heiden, die jenigen vor kluge und verständige Leute gehalten, welche ihre Sachen und alles Fürnehmen anfänglich wohl erwogen …"

TTS-Readiness-Score: 87/100. Ergebnis: natürliche, verständliche Audioausgabe.

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